Auf dieser Seite
Was es wirklich heißtWer diese Anleitungen schreibtWeggelassen: die meisten bleiben angestelltWeggelassen: es ist keine EinbahnstraßeWeggelassen: die Monate davorWas trotzdem stimmtHäufige FragenDigitale Nomadin werden: was das wirklich heißt
Man wird digitale Nomadin nicht an dem Tag, an dem man fliegt, sondern an dem Tag, an dem das Einkommen nicht mehr an einem Ort hängt. Dieser Tag liegt in aller Regel Monate vor dem Flug. Alles, was danach kommt — Versicherung, Wohnsitz, Koffer, Zielland —, ist Organisation. Lösbar, lästig, aber nicht die Frage, an der es hängt.
Wir schreiben das nicht aus der Recherche. Nici und ich arbeiten seit 2023 ortsunabhängig, seit Anfang 2026 mit fester Basis in Bangkok. Der Teil, der bei uns wirklich schwierig war, kommt in keiner der Seiten vor, die man findet, wenn man diese Frage eingibt.
Digitale Nomadin — kurz erklärt
Eine digitale Nomadin arbeitet mit Laptop und Internetverbindung ortsunabhängig und wechselt dabei ihren Aufenthaltsort. Der Begriff sagt nichts über die Beschäftigungsform: Er umfasst Angestellte mit Remote-Vertrag genauso wie Selbstständige. Und er sagt nichts über das Tempo — die meisten haben eine feste Basis und reisen von dort aus, statt alle zwei Wochen weiterzuziehen.
Wer diese Anleitungen schreibt — und warum sie alle gleich aussehen
Wer „digitaler Nomade werden“ eingibt, bekommt auf Seite 1 zehn Ergebnisse, die sich erstaunlich ähneln: eine Schrittliste, dann Visum, dann Versicherung, dann Wohnsitz, dann eine Länderliste. Das ist kein Zufall. Es liegt daran, wer sie geschrieben hat.
| Seite | Wer dahintersteht | Wo ihre Schrittliste anfängt |
|---|---|---|
| Ratgeber „Digitaler Nomade werden“, vier Schritte | Versicherungskonzern | Reisekrankenversicherung, Planungsphase, Hotspot-Liste |
| „Der Schritt-für-Schritt Guide“, zehn Schritte plus Checkliste | Versicherungsmakler | Abmeldung, Wohnsitz, internationale Krankenversicherung — Abschluss: Beratungstermin |
| „Wie wird man digitaler Nomade?“ | Vermittler für Auslandsjobs | Laptop, Internet, Disziplin, Englisch — Publikum Anfang zwanzig |
| „Wie du deine Karriere als digitaler Nomade beginnst“ | Sprachreise-Anbieter | Jobplattformen und Sprachkenntnisse, am Ende die eigenen Gap-Year-Programme |
| „Was ist digitaler Nomade“ | Büromöbel-Shop | Arbeitsplatz und Ausstattung |
| Zwei Threads aus einem Reddit-Forum | Menschen, die es tun | auf Englisch, unsortiert — die einzigen Seiten aus erster Hand |
Keine dieser Seiten lügt. Sie sind nur vom Absender her gedacht: Jede Schrittliste fängt dort an, wo das Produkt ihres Verfassers anfängt. Wenn ein Versicherungsmakler den Weg beschreibt, beginnt der Weg bei der Versicherung. Deshalb bekommt die Versicherung ein Kapitel und das Einkommen einen Absatz — obwohl es in der Wirklichkeit genau umgekehrt ist.
Und noch etwas fällt auf, wenn man die zehn Seiten hintereinander liest: Keine davon ist für eine Frau geschrieben, die seit zehn oder mehr Jahren im Beruf steht. Das Publikum ist durchgehend Anfang zwanzig, ohne Einkommensbasis, mit Fernweh. Wenn du ein unbefristetes Arbeitsverhältnis und ein Gehalt hast, mit dem du deine Miete zahlst, kommst du in diesen Texten schlicht nicht vor.
Weggelassen (1): dass die meisten dabei angestellt bleiben
In fast jeder Anleitung steckt eine unausgesprochene Annahme: Wer ortsunabhängig arbeiten will, muss sich selbstständig machen. Die Zahlen sagen etwas anderes. Für Deutschland gibt es dazu nichts Belastbares, für die USA schon — und die Verhältnisse darin sind aussagekräftig genug, um sie zu nennen.
- 18,5 Millionen erwachsene US-Amerikanerinnen und -Amerikaner arbeiten als digitale Nomaden — 153 Prozent mehr als 2019.
- Davon 11,2 Millionen mit fester Anstellung und 7,3 Millionen als Selbstständige. Also rund drei von fünf angestellt.
- Und die Richtung ist eindeutig: Die Zahl der Angestellten stieg binnen eines Jahres um 10 Prozent, die der Selbstständigen sank um 7 Prozent.
Quelle: MBO Partners, „2025 Digital Nomads Trends Report“, erhoben in den USA, Stand 2025. Auf Deutschland lässt sich das nicht hochrechnen — aber es räumt mit einer Vorstellung auf, die hier genauso verbreitet ist: dass man dafür erst gründen müsste.
Das ist die gute Nachricht für jemanden mit Berufserfahrung. Deine Berufsjahre sind kein Ballast, den du zurücklassen musst, sondern das Einzige, was du überhaupt mitnehmen kannst. Welcher der beiden Wege zu deiner Situation passt — Remote-Anstellung oder Freelancing —, ist eine eigene Frage, und sie kommt vor allen anderen.
Natalie, die bei uns im Mentoring war, hat es so beschrieben: Sie habe gelernt, „mit welchen beruflichen Möglichkeiten der Weg zum digitalen Nomaden möglich wird“. Das ist die Reihenfolge, die in den Anleitungen fehlt — erst die Arbeit, dann der Ort.
Weggelassen (2): dass es keine Einbahnstraße ist
Auf keiner der zehn Seiten steht, was passiert, wenn es nicht passt. Eine einzige streift es in einem Halbsatz. Dabei ist die Rückkehr nicht der Ausnahmefall, sondern eingebaut.
| Was gemessen wurde | Ergebnis |
|---|---|
| Wie lange sie es schon machen | 73 Prozent drei Jahre oder kürzer |
| Länger als fünf Jahre | 11 Prozent |
| Kehren pro Jahr zu einem klassischeren Leben zurück | geschätzt 19 bis 22 Prozent |
| Von denen, die aufgehört haben, würden es wieder tun | 83 Prozent (25 Prozent sicher, 59 Prozent vielleicht) |
Gleiche Quelle, gleicher Stand. Zwei Dinge stehen in diesen Zeilen. Erstens: Für die meisten ist das eine Lebensphase, kein Lebensentwurf — zwei Jahre, drei Jahre, dann etwas anderes. Zweitens: Wer aufhört, bereut es überwiegend nicht, im Gegenteil. Vier von fünf würden wieder los.
Das ändert die Größe der Entscheidung. Du entscheidest nicht über die nächsten dreißig Jahre, sondern über die nächsten zwei — mit der Möglichkeit, es anders zu machen, wenn es anders sein soll. Und du musst nicht einmal dort anfangen: Eine Workation ist derselbe Test in klein, drei Wochen, ohne dass sich an deinem Vertrag etwas ändert.
Weggelassen (3): die Monate, in denen sich nichts ändert
Der Teil, der bei uns am längsten gedauert hat, sieht nach nichts aus. Genau deshalb steht er in keiner Anleitung: Er ergibt kein Foto und keinen Schritt mit Häkchen.
- Äußerlich passiert nichts. Du gehst weiter ins Büro, das Gehalt läuft, niemand merkt etwas. Von außen sieht dieser Abschnitt genau wie Stillstand aus.
- Die Arbeit verdoppelt sich vorübergehend. Der Job bleibt, und daneben entsteht das, was ihn später ersetzen soll. Das ist anstrengend und geht vorbei — aber niemand sagt vorher, wie es sich anfühlt.
- Die Zweifel kommen genau hier, nicht am Flughafen. Am Flughafen ist längst entschieden.
- Das Ergebnis ist unspektakulär: ein Einkommen, das weiterläuft, wenn du den Ort wechselst. Mehr ist es nicht, und weniger reicht nicht.
Was danach kommt, ist erstaunlich normal. Wir arbeiten zwischen 33 und 37 Stunden in der Woche, am Schreibtisch, mit Video-Calls und Feierabend — wie der Alltag wirklich aussieht, haben wir gesondert aufgeschrieben, samt Kosten und Arbeitsorten. Der Unterschied zu vorher liegt nicht in der Aufregung. Er liegt darin, dass die Arbeit sich unserem Leben anpasst und nicht umgekehrt.
Was an den Anleitungen trotzdem stimmt
Visum, Krankenversicherung, Wohnsitz, Steuern: Das sind echte Fragen, und sie sind ernst zu nehmen. Sie sind nur nicht die schweren. Sie haben Antworten, und diese Antworten hängen an deinem Fall — an deinem Vertrag, deinem Zielland, deiner Kasse. Deshalb steht hier keine.
Wofür wir nicht zuständig sind
Wir sind keine Anwältinnen und keine Steuerberaterinnen, und dieser Artikel ist weder Rechts- noch Steuerberatung. Was wir hier weitergeben, beruht auf dem, was wir von anderen Reisenden gehört haben. Verbindliche Auskünfte geben dir deine Krankenkasse, dein Finanzamt, die Botschaft deines Ziellandes und im Zweifel eine Steuerberaterin oder Fachanwältin — zumal sich Regeln und Zahlen regelmäßig ändern.
Was wir aus der Nähe sagen können: In der Praxis ist dieser Teil meistens unkomplizierter als sein Ruf. Die Hürde ist selten das Amt. Die Hürde ist die Frage, ob deine Arbeit mitkommt — und ob dein Arbeitgeber mitmacht, falls du angestellt bleiben willst. Wie weit Ortsfreiheit im Arbeitsvertrag überhaupt reicht und welche Stufen es dazwischen gibt, steht in unserer Übersicht zum ortsunabhängigen Arbeiten.
Bleibt der Satz, auf den es hinausläuft: Es geht nicht darum, digitale Nomadin zu sein. Das Etikett ist der kleinste Teil der Sache. Es geht darum, dass deine Arbeit dir nicht länger vorschreibt, wo du lebst — und das fängt mit Schritt 1 an, nicht mit Schritt 10.
Häufige Fragen
Wie wird man digitaler Nomade?
Indem man seine Arbeit so umstellt, dass das Einkommen nicht mehr an einen Ort gebunden ist — entweder über eine Anstellung mit Remote-Vertrag oder über selbstständige Tätigkeit. Alles andere, was in den üblichen Anleitungen ganz oben steht (Visum, Versicherung, Wohnsitz, Zielland), ist danach Organisation. Der Ortswechsel ist der letzte Schritt, nicht der erste.
Braucht man dafür ein eigenes Business, oder geht das auch angestellt?
Es geht angestellt, und das ist sogar der häufigere Fall. In den USA haben 11,2 von 18,5 Millionen digitalen Nomaden eine feste Anstellung, also rund drei von fünf; die Zahl der Angestellten wächst, die der Selbstständigen sinkt (MBO Partners, Stand 2025). Vergleichbare Zahlen für Deutschland gibt es nicht, aber die Annahme, man müsse dafür erst gründen, stimmt nicht.
Wie viel Erspartes braucht man, bevor man loszieht?
Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht, und wer dir eine nennt, kennt deine Lebenshaltung nicht. Sinnvoller ist die Frage, wofür die Rücklage da ist: Sie ersetzt für eine Weile das, was vorher zuverlässig als Gehalt kam. Wie lange diese Weile bei dir sein muss, hängt an deinen Fixkosten, an deinem Vertrag und daran, ob dein Einkommen schon läuft oder erst entstehen soll.
Kann man wieder zurück, wenn es nicht passt?
Ja, und das ist der Normalfall. 73 Prozent der digitalen Nomaden machen es drei Jahre oder kürzer, nur 11 Prozent länger als fünf Jahre; geschätzt 19 bis 22 Prozent kehren jedes Jahr zu einem klassischeren Leben zurück (MBO Partners, Stand 2025). Von denen, die aufgehört haben, würden 83 Prozent es wieder tun. Für die meisten ist es eine Lebensphase, kein Lebensentwurf.
Muss man dafür kündigen?
Nein. Der Weg neben dem laufenden Job ist der unauffälligere und der mit dem doppelten Boden: Das Gehalt läuft weiter, während sich die Arbeit umstellt. Wer angestellt bleiben will, verhandelt ohnehin mit dem Arbeitgeber statt zu kündigen — dort liegt bei einer Anstellung die eigentliche Hürde, nicht bei den Formalitäten.
Über den Autor
Ralph Höfting ist Mitgründer von Nomads on a Path. Er hat bis Ende 2022 im E-Commerce gearbeitet und ist seit Anfang 2023 selbstständiger Freelancer — seitdem ortsunabhängig, seit Anfang 2026 mit fester Basis in Bangkok. Gemeinsam mit Nici begleitet er im Mentoring The Nomads Work Frauen auf beiden Wegen in die Remote-Arbeit.
Und wie sieht die Zeit vor der Abreise bei dir aus?
Im kostenlosen Remote-Work-Training zeigen wir dir, wie der Übergang in die ortsunabhängige Arbeit neben deinem Job funktioniert: welcher der beiden Wege zu deiner Situation passt, wie du deine Berufserfahrung überträgst und in welcher Reihenfolge du vorgehst, damit dein Gehalt so lange weiterläuft, wie du es brauchst.
Sichere dir deinen Platz im Live-Training →Kostenlos · 60 Minuten · von Nici & Ralph